2. Oktober 2018

BÖRSENKRACH 1929 UND WELTWIRTSCHAFTSKRISE / DAS WÖRGLER WIRTSCHAFTSWUNDER

Von Walter Koblenc


→ Aus der vierteljährlichen Publikation Das Recht auf Wahrheit
→ Ausgabe Frühjahr/Sommer 2018 Österreich feiert: 100 Jahre Republik


Die Arbeitslosigkeit ist in Österreich 1928 deutlich zurückgegangen, auch die Wirtschaftsleistung erreicht wieder das Vorkriegsniveau. So sieht man 1929 in Österreich der Zukunft wieder positiv entgegen. Doch dann bricht im Oktober 1929 die New Yorker Börse zusammen und löst damit weltweit eine große Wirtschaftskrise („die große Depression”) aus.

Der „Schwarze Freitag”

Der Börsenkrach, der als „Schwarzer Freitag” bekannt ist, nimmt am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, in New York seinen Anfang.

In Europa wird er deshalb als „Schwarzer Freitag” bezeichnet, da es aufgrund der Zeitverschiebung zum Zeitpunkt der starken Kursverluste in Europa schon Freitag war.

Der Aufschwung vor dem Zusammenbruch

Hier die Vorgeschichte dazu: In den 20er-Jahren gibt es vor allem in Amerika einen noch nie dagewesenen Aufschwung.

Verantwortlich dafür sind die niedrige Inflation, höhere Löhne, neue Wirtschaftszweige, bahnbrechende Erfindungen wie z. B. das Radio und die Fließbandproduktion, die einstige Luxusgüter (Autos, etc.) plötzlich auch für die breite Masse erschwinglich machen.

Henry Ford verkauft so bis 1927 rd. 15 Mio. Autos zu Preisen, die dank Fließbandproduktion plötzlich für einen großen Teil der Bevölkerung leistbar sind.

Die Wirtschaft boomt (in manchen Jahren gibt es sogar ein zweistelliges Wirtschaftswachstum) und damit steigen auch die Börsenkurse.

Es ist eine Ära, die in Amerika nicht zu Unrecht als die goldenen 20er-Jahre bezeichnet wird (jedoch nicht in Österreich) – und so träumt man 1929 im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten” vom ewigen Wohlstand.

Stand der amerikanische Aktienindex (der „Dow Jones Index”) Ende Mai 1924 noch bei 89,90 Punkten (Schlusskurs), steigt er allein von Ende Juni 1928 (210,55 Punkte) bis Ende Dezember 1928  um mehr als 40% und erreicht erstmals 300 Punkte.

Diese Börsenhausse sorgt natürlich dafür, dass nicht nur Großanleger und Firmen ihr Geld in amerikanische Aktien investieren, auch viele Kleinanleger beginnen immer mehr vom großen Reichtum zu träumen.

Millionen Amerikaner nehmen deshalb kurzfristig Kredite auf, um sich Aktien zu kaufen.

Erste Anzeichen einer Rezession

Bereits im Frühjahr 1929 gibt es Konjunktur-Indikatoren, die auf eine beginnende Rezession hinweisen: Im Landwirtschaftssektor sind die Weizenpreise massiv gesunken (wodurch eine Landwirtschaftskrise droht), die Stahlproduktion sinkt und vor allem im Wohnbau gibt es drastische Rückgänge.

Vereinzelt mehren sich Stimmen, die auch vor einem deutlichen Kursrückgang an der Börse warnen, doch diese Warnungen werden großteils ignoriert.

Am 11. Juni 1929 verliert der Dow Jones zwar fast 10% und fällt auf 232,13 Punkte, doch innerhalb kürzester Zeit erholt er sich wieder kräftig.

Am 3. September 1929 erreicht er mit 381,17 Punkten seinen Höchststand.

Bereits zwei Tage später, am 5. September 1929, sagt der Wirtschaftsexperte Roger Babson den verheerenden Börsencrash voraus.

Ende September 1929 ist der Dow Jones bereits um rd. 10% gesunken (343,45 Punkte), dennoch wird nach wie vor kräftig weiter spekuliert.

Nachdem auch im Oktober 1929 die Börsenkurse schrittweise nach unten gehen, beginnt sich bei Kleinanlegern Nervosität breit zu machen: So können sie ihre Kredite nicht zurückzahlen.

Der Beginn des Börsenkrachs

Als der Dow Jones Index am 23. Oktober 1929 rd. 6% an Wert verliert und nur noch knapp über 300 Punkten liegt, kommt es am nächsten Tag (24. Oktober 1929) zu Panikverkäufen an der Börse.

Das Handelsvolumen  beginnt deutlich zu steigen (mit 12.894.650 Aktien werden an diesem Tag rd. vier Mal so viele Aktien gehandelt als normalerweise).

Viele Kleinanleger wollen ihre Wertpapiere um jeden Preis verkaufen, der Börsenhandel bricht mehrfach zusammen. Die Banken versuchen zu beschwichtigen und sorgen mit massiven Stützungskäufen kurzfristig für  Beruhigung.

Am folgenden Tag, dem 25. Oktober 1929, sorgt die Nachricht vom Börsenkrach in New York auch an Europas Börsen für heftige Kurseinbrüche und damit für einen „Schwarzen Freitag”.

Da die Kleinanleger mit ihren Aktien ihre Kredite nicht mehr decken können, fordern die Banken nun ihr Geld zurück und zwingen die Kleinanleger, ihre Aktien zu verkaufen.

Der endgültige Zusammenbruch

Dies sorgt abermals für Panikverkäufe, sodass der Dow Jones am Montag (28. Oktober 1929) um fast 13% einbricht und bis auf  260,64 Punkte sinkt.

Der letztendliche Zusammenbruch erfolgt dann am 29. Oktober 1929. Die Kurse brechen erneut ein, der Dow Jones fällt bis auf 230,07 Punkte.

Rund 16,5 Millionen Aktien wechseln an diesem Tag ihren Besitzer, manche Aktien fallen um über 90%.

Viele verlieren ihr gesamtes Vermögen, einige nehmen sich sogar das Leben und springen in ihrer Verzweiflung aus dem Fenster.

Der Kursverfall dauert noch einige Wochen an, der Dow Jones Index sinkt im November 1929 zeitweise auf unter 200 Punkte, bevor sich der Markt für einige Zeit wieder erholt und der Dow Jones bis Mai 1930 wieder bis auf 294,07 Punkte steigt.

Anstatt aber mit zusätzlichem Geld wieder für Liquidität zu sorgen, reduziert die amerikanische Zentralbank (Federal Reserve) die Geldmenge um ca. 1/3, sodass sich der Kursverfall erneut fortsetzt und sich zur „großen Depression” der 30er-Jahre ausweitet.

Erst im Juli 1932 endet die Talfahrt bei 41,22 Punkten. Dies entspricht im Vergleich zum Höchststand vom 3. September 1929 einem Verlust von fast 90%.

Die weltweiten Folgen

Dadurch, dass viele Amerikaner ihr gesamtes Vermögen verloren haben (auch rd. 1/3 der Banken sind in Konkurs gegangen), bricht die US-Wirtschaft massiv ein, was wiederum hohe Arbeitslosigkeit und Armut verursacht.

Amerika muss seine Importe drastisch reduzieren, auch Auslandsinvestitionen und Kreditmittel, welche die europäische (und auch österreichische) Wirtschaft dringend benötigen würde, werden abgezogen.

Die Geldknappheit und ein ständiger Preisverfall (Deflation statt Inflation) bewirken auch in Österreich einen starken Produktionsrückgang, zahlreiche Fabriksschließungen und Entlassungen sowie … – Massenarbeitslosigkeit.


 

Das Wörgler Wirtschaftswunder

Jahrelang gelingt es der Regierung nicht, die wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt nachfolgende Geschichte.

Im Dezember 1931 wird der 47jährige Sozialdemokrat Michael Unterguggenberger Bürgermeister der Gemeinde Wörgl in Tirol. Eine Gemeinde, die knapp über 4.000 Einwohner hat.

Unterguggenberger mag ein einfacher Mann sein, dumm aber ist er nicht.

Der ehemalige Lokführer ist sehr belesen – und er kennt auch die Schriften von Silvio Gesell, einem deutschen Kaufmann, Finanztheoretiker und Begründer der Freiwirtschaftslehre.

Ein Bestandteil dieser Lehre ist das sogenannte Freigeld, das Gesell auch als „Schwundgeld” bezeichnet.

Geld muss fließen

Dabei handelt es sich um ein Zahlungsmittel, das einem Wertverfall unterworfen ist, wenn es gehortet wird.

Dieser Entwertung kann man aber entgehen, wenn man es in Umlauf bringt, also gegen Ware eintauscht.

Außerdem: Je mehr gespart wird, umso weniger kommt die Wirtschaft wieder in Schwung.

Doch genau das macht die Regierung: Sie spart bei den Staatsausgaben, sie spart, indem sie Löhne kürzt und Personal abbaut. Der Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger äußert sich dazu wie folgt: „Das Sinnvolle dieser Maßnahmen liegt auf der Hand und sieht etwa so aus: Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?).

Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?).”

Nachdem die Zellulosefabrik stillgelegt werden musste, ist fast jeder Vierte in Wörgl arbeitslos. So beschließt man, Gesells Theorie in die Praxis umzusetzen.

Im Sommer 1932 bringt die Gemeinde Wörgl „Schwundgeld” heraus. Damit es gültig bleibt, muss man (falls man es nicht ausgibt) jedes Monat eine Wertmarke von 10 Groschen darauf kleben.

Ein gelungener Versuch

Die Rechnung geht auf, die Arbeiter geben das Schwundgeld bei den Kaufleuten wieder aus, bevor es an Wert verliert, gehen auch wieder ins Wirtshaus.

Das neue Geld verhilft den Kaufleuten zu neuen Umsätzen. Damit kaufen sie neue Waren ein, bei Bauern oder Fabriken (die wieder Personal einstellen).

Das Geld zirkuliert sehr rasch: Vom Arbeiter zum Fleischer, vom Fleischer zum Bauern, vom Bauern zum Handwerker, vom Handwerker zum Wirten …

1932 und 1933 steigt die Arbeitslosigkeit in Österreich, in Wörgl fällt sie: Eine neue Brücke wird gebaut, Straßen saniert, die Schule an die Kanalisation angeschlossen. Die Einkommen der Arbeiter steigen ebenso wie die Steuereinnahmen der Gemeinde.

Das „Wirtschaftswunder von Wörgl” bleibt nicht unbemerkt, Medien aus Deutschland, Schweiz und sogar aus Amerika berichten darüber. Ein französisches Magazin bezeichnet Wörgl sogar als „neues Mekka der Volkswirtschaft”.

Unterguggenberger ist ein vielgefragter Mann, reist herum, hält Vorträge. Bei der Regierung gehen Briefe ein, die vorschlagen, Unterguggenberger zum neuen Finanzminister zu machen.

Im Sommer 1933 hält er in Wien einen Vortrag vor 170 Bürgermeistern, sogar Städte wie Linz oder Steyr wollen seinem Beispiel folgen.

Doch die Nationalbank geht dagegen vor, nur sie ist von Gesetzes wegen berechtigt, Geld in Umlauf zu bringen.

Und so entscheidet der Verwaltungsgerichtshof am 18. November 1933, dass das Wörgler Schwundgeld gegen das Gesetz verstößt.

Damit endet die Erfolgsgeschichte und in Wörgl kehrt wieder der Alltag ein. Ein Alltag, der von Arbeitslosigkeit und Armut geprägt ist.


Zu diesem Thema: → Silvio Gesell – das Freigeld (Film)

AndresJemand: Demokratie ist vielleicht wirklich die beste Staatsform. Der einzige Nachteil: Man hats noch nie wirklich probiert.

 

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Walter Koblenc ist Obmann der Initiative „Retten wir Österreich“ und Herausgeber der Zeitung „Das Recht auf Wahrheit“

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