15. September 2018

WIE DÜRFEN KINDER LERNEN?

Autoren: Jan Engelberger, Alexandra Terzic-Auer


DIESER GASTBEITRAG IST AUS DEM BUCH >>> LERNEN IST WIE ATMEN, S. 137-141


 

Die rechtliche Situation in Europa

Die erste Frage, die Deutsche oder Österreicher stellen, wenn sie zum ersten Mal vom Freilernen hören, lautet gewöhnlich: „Ja, ist denn das erlaubt?!“

Engländer würden wahrscheinlich schmunzeln über das selbstverständliche Obrigkeitsdenken, das aus dieser Frage spricht. In Großbritannien und anderen angelsächsischen Ländern liegt es nämlich allein im Ermessen der Familien selbst, ob die Kinder eine öffentliche, eine private oder gar keine Schule besuchen. Von staatlicher Seite wird darüber nicht einmal Buch geführt, so dass genaue Zahlen fehlen. Laut Schätzungen aus dem Jahr 2016 gibt es allein in Großbritannien etwa 30.000 bis 36.000 Kinder, die ihre Bildung außerhalb der Schule erwerben, Tendenz stark steigend.

Nach einer öffentlichen Kontroverse über die Frage, wie weit staatliche Stellen sich in die Kindererziehung einmischen dürfen oder sollen, veröffentlichte das britische Bildungsministerium im Jahr 2010 erstmals eine eigene Broschüre, um übereifrige Beamte davon abzuhalten, das demokratische Recht auf freie Selbstbildung einzuschränken. Hier ein Auszug daraus, der jedes Freilernerherz höher schlagen lässt:

„Von Freilerner-Eltern darf NICHT gefordert werden:

–           dass sie sich an den nationalen Lehrplan halten
–           dass sie für eine breite und ausgewogene Bildung sorgen
–           dass sie einen Zeitplan aufstellen
–           dass sie über Räumlichkeiten verfügen, die nach bestimmten Standards ausgerüstet sind
–           dass sie Unterrichtszeiten einhalten
–           dass sie irgendwelche speziellen Qualifikationen mitbringen
–           dass sie im Voraus genaue Pläne vorlegen
–           dass sie sich an Schulstunden, Schultage oder Schuljahre halten
–           dass sie Unterricht abhalten
–           dass sie die Arbeiten ihrer Kinder korrigieren
–           dass sie deren Fortschritte dokumentieren oder Entwicklungsziele festlegen
–           dass sie sich an schulische oder altersspezifische Vorgaben halten.“

Paragraf 5.12 dieses offiziellen Dokuments deutet darauf hin, dass die Briten mit dieser liberalen Regelung gute Erfahrungen gemacht haben: „Dem Bildungsministerium liegen zwar keine genauen Daten vor doch Einzelberichte lassen den Schluss zu, dass viele zu Hause erzogene Kinder als begabte und talentierte Schüler gelten würden, wenn sie zur Schule gingen. Einige Freilernerkinder haben wahrscheinlich überdurchschnittliche Fähigkeiten, bei anderen wird ein Bedarf nach zusätzlicher Ausbildung bestehen.“

Jugendliche, die an einer weiterführenden Schule oder Universität studieren wollen, müssen eventuell einen Qualifikationstest ablegen, Schulzeugnisse brauchen sie keine. In den angelsächsischen Ländern wurden bereits mehrere wissenschaftliche Studien über den weiteren Lebensweg frei lernender Kinder erstellt. Deren Ergebnisse deuten klar darauf hin, dass sich die meisten von ihnen im Berufsleben als überdurchschnittlich tüchtig und erfolgreich erweisen und auch einer akademischen Karriere nichts im Wege steht. Vor allem aber konnten diese Studien auf eindrucksvolle Weise das beliebteste Argument gegen das Freilernen entkräften, die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung nämlich, zur Ausbildung der sozialen Fähigkeiten eines Kindes sei das regelmäßige Zusammensein mit gleichaltrigen Mitschülern unerlässlich: Menschen ohne schulische Bildung, so zeigte sich, nehmen intensiver am Gemeinschaftsleben teil als vergleichbare Schulabsolventen! Sie engagieren sich häufiger ehrenamtlich, gehen regelmäßiger zur Wahl und geben öfter an, ein glückliches Leben zu führen! Es gibt also viele gute Gründe dafür, dass staatliche Stellen aber auch private Organisationen in Kanada, den USA und Großbritannien inzwischen sogar spezielle Angebote für Freilerner entwickeln und solche Familien finanziell unterstützen.

Auch andere europäische Staaten wie etwa Frankreich, Spanien oder Italien respektieren den Entschluss der Eltern, ihre Kinder, aus welchem Grund auch immer, nicht zur Schule zu schicken. Es gibt dort zwar eine Meldepflicht und verschiedene Auflagen aber keine prinzipielle Einschränkung des Rechts auf freie Bildung.

Das einzige europäische Land, in dem seit 1938 Schulpflicht tatsächlich mit Schulanwesenheitspflicht gleichgesetzt wird, ist Deutschland. Dort machen sich Eltern, die ihre Kinder nicht regelmäßig zur Schule schicken, strafbar. Auch wenn die gesetzlichen Bestimmungen in den einzelnen deutschen Bundesländern mit unterschiedlicher Härte durchgesetzt werden, sind schon viele deutsche Freilernerfamilien ins Ausland übersiedelt, um der Verfolgung durch die Behörden zu entgehen. Trotzdem geben einige besonders mutige Eltern nicht auf – unterstützt von Anwälten und engagierten Aktivisten, kämpfen sie weiter um das Recht auf freie Selbstbildung und finden dabei immer mehr Unterstützer.

Auch in Österreich bemühen sich engagierte Freilernerfamilien unter Berufung auf die Menschenrechte um eine Gesetzesänderung, denn rechtlich gesehen nimmt Österreich bisher eine Zwischenstellung ein. Einerseits wird in dem im Verfassungsrang stehenden Staatsgrundgesetz aus dem Jahr 1867 garantiert, dass der häusliche Unterricht keinen Beschränkungen unterliegt. Andererseits ist im Bundes-Verfassungsgesetz eine neunjährige Schulpflicht verankert: Kinder im häuslichen Unterricht müssen demnach einen mindestens gleichwertigen Unterricht erhalten, dessen Erfolg alljährlich durch eine Externistenprüfung an einer öffentlichen Schule nachgewiesen werden muss. Die Prüfungsfragen orientieren sich am offiziellen Lehrplan für die jeweilige Schulstufe.

Das klingt zunächst durchaus einleuchtend und vernünftig, doch in der Praxis zeigt sich recht bald, dass diese Regelung nur dann funktioniert, wenn zu Hause Schule gespielt wird. Freie Selbstbildung dagegen ist mit jährlichen Prüfungen über den Schulstoff unvereinbar: Kein Kind entfaltet sich ohne äußeren Druck genau nach Lehrplan! Die Reihenfolge und das Tempo, in dem es sich auf seine individuelle Weise verschiedenste Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignet, lassen sich beim besten Willen nicht vorausbestimmen… Schon mit sieben oder acht Jahren kann ein Kind auf einzelnen Gebieten weit mehr wissen als die meisten Gleichaltrigen, oder es beschäftigt sich intensiv mit Dingen, die auf keinem Lehrplan stehen. Dafür wird es manchen „Pflichtfächern“ seine Aufmerksamkeit vielleicht erst Jahre später freiwillig zuwenden.

Dazu kommt, dass die weit wesentlicheren, menschlichen Qualitäten vor Prüfungskommissionen überhaupt nicht zählen: Nach welchen Maßstäben sollten sie die intrinsische Motivation eines Freilernerkindes, seinen Sinn für Eigenverantwortung, seinen achtsamen Umgang mit Menschen und Dingen, sein soziales Engagement oder die philosophische Tiefe seiner Gedanken, um nur einige zu nennen, denn auch bemessen und benoten? Und welcher Prüfer unterscheidet zwischen auswendig Gelerntem, das kurz darauf wieder vergessen wird, und nachhaltigem Wissen, das auf selbst gemachten Erfahrungen beruht? Schulzeugnisse mögen vielleicht Auskunft geben über die Quantität des Gelernten, über die Qualität des Gelernten sagen sie, wie wir alle wissen, gar nichts aus.

Von Natur aus sind wir zum Glück ja alle lebenslang Freilerner – als kleine Kinder, vor der Schule, nach der Schule, in unserer Freizeit. Nachdem man uns über Jahrhunderte aber daran gewöhnt hat, Bildung mit Schulbildung gleichzusetzen, können die meisten Menschen zunächst kaum glauben, dass ein Kind auch ohne Schule alles lernt, was es für ein erfülltes Leben braucht. Die einzige Möglichkeit, derlei prinzipielle Zweifel zu zerstreuen, ist die Begegnung mit lebendigen Freilernerkindern! In den letzten Jahren ist deren Zahl auch stark angestiegen, und das hat ein allmähliches Umdenken eingeleitet. Weil sie sich mit eigenen Augen von den erstaunlichen Kompetenzen frei lernender Kinder überzeugen konnten, zeigen in Österreich einzelne besonders aufgeschlossene Behördenvertreter Gesprächsbereitschaft und bemühen sich um eine gemeinsame Lösung.

In vielen Ländern beginnen sich Bildungs- und ErziehungswissenschaftlerInnen, PädagogInnen und PsychologInnen vermehrt für das Thema Lernen außerhalb der Schule zu interessieren. Deshalb gibt es zur Zeit etwa Bemühungen, formelle Prüfungen durch anteilnehmende, wissenschaftliche Beobachtung frei lernender Kinder zu ersetzen. Dies würde nicht nur ihnen zugute kommen, sondern allen Kindern. Einerseits wird es der bisher auf schulisches Lernen fokussierten Forschung ungeahnte Einblicke in die Staunen erregende Vielfalt informeller Lernstrategien eröffnen. Anderseits wird es aber auch viele scheinbare Gewissheiten darüber, was für Kinder wichtig und richtig ist, in Frage stellen.

Die anhaltende Krise des Bildungssystems hat in den letzten Jahren an vielen Orten alternative Projekte mit völlig neuen Ansätzen entstehen lassen. Ein fundamentaler Wandel ist offenbar nicht mehr aufzuhalten, denn in allen demokratischen Gesellschaften ertönt immer lauter der Ruf nach Selbstbestimmung: Die Zivilgesellschaft wird sich ihrer Macht und Verantwortung mehr und mehr bewusst. Das wachsende Interesse an natürlichen Lebensweisen, natürlicher Ernährung, natürlichen Heilmitteln usw. geht Hand in Hand mit einem immer tieferen Verständnis für die komplexen Lernprozesse, die in der Natur des Menschen angelegt sind. (Sogar die Informatik hat begonnen, sich an diesen natürlichen Lernprozessen zu orientieren: Das Übersetzungsprogramm von Google beispielsweise setzt schon seit einiger Zeit auf assoziatives Lernen und konnte dadurch enorme qualitative Verbesserungen erzielen!)

Die steigende Mobilität und die rasante Entwicklung der Kommunikationsmedien eröffnen uns völlig neue Möglichkeiten eines freien, individuellen Wissenserwerbs, wie er noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Die Kinder unserer Zeit, die mit diesen Medien ganz selbstverständlich aufwachsen, entwickeln von Anfang an ein extrem vernetztes Denken. Und die moderne Gehirnforschung bestätigt die Grundüberzeugung aller Freilerner, dass Lernen unter Druck gar nicht möglich, ohne Druck dagegen gar nicht aufzuhalten ist.

Die Menschheit wird keine großen Entdeckungen und Fortschritte machen, solange es noch EIN unglückliches Kind auf Erden gibt. (Albert Einstein)


Jan Engelberger: Ich bin Vater von drei freilernenden Kindern, Jurist, Taiji-Lehrer und Mitgestalter eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts. Ich liebe das Meer, insbesondere die Nordsee, das Reisen, die Freiheit. Seit ich Vater bin hinterfrage ich mehr und mehr Konventionen und wage Neues zu denken, wobei ich mich von den Taiji-Prinzipien leiten lasse. http://taiji.engelberger.org/

Alexandra Terzic-Auer, geb. 1952. Nach interdisziplinären, nie abgeschlossenen Studien war ich viele Jahre als Verlagslektorin und Übersetzerin tätig. Kinder – meine eigenen und viele andere – haben meine Weltsicht nachhaltig erweitert, ebenso wie die Arbeit mit Kinesiologie und systemischen Aufstellungen. In der Freilerner-Bewegung sehe ich den Beginn eines Bewusstseinwandels, den ich mit meinem Projekt „Scholé – Muße für Herz und Geist“ freudig unterstütze, so gut ich kann. → www.schole.at


 

André Stern: »Wer damit beschäftig ist zu werden, hat keine Zeit mehr zu sein.«

Evelyn Podubrin:  Musst Du Dein Kind immer beschäftigen? Wünschst Du Dir, dass es auch mal alleine spielen soll? Machst Du Dir Sorgen oder bist du sogar genervt, weil Dein Kind Dich immer für sein Spiel braucht? Suchst Du nach immer neuen Beschäftigungen für Dein Kind?

In diesem Interview erklärt der berühmteste Freilerner und Freispieler Europas André Stern warum manche Kinder nur schlecht oder gar nicht spielen können. In 45 Minuten erfährst Du, was DU tun kannst, damit Dein Kind zu der ursprünglichsten Tätigkeit des Menschen zurückfindet. Das Interview schließt der Bestsellerautor mit dem Geheimnis des Malorts ab. http://www.freie-bewegungsentwicklung.de


 

Bisherige Veröffentlichungen zu diesem Thema:

MUßE, NICHT ARBEIT, IST DAS ZIEL DES MENSCHEN

VOM PRÜFEN UND BEWERTEN

PAPA, WIR WOLLEN DIE FBI-SEITE LESEN KÖNNEN!

EIN INTERVIEW ÜBER DAS FREILERNEN

BEVOR DER ERNST DES LEBEN BEGANN

SCHOLÉ HAUPTANLIEGEN FÜR 2018: LEGALISIERUNG DES FREILERNENS

SCHOLÉ: INITIATIVE FÜR BILDUNGSFREIHEIT

SCHOLÉ: MUSSE FÜR HERZ UND GEIST

 

Die Gastbeiträge sollen eine bestimmte Bandbreite von Ansichten abbilden.
Dabei müssen die Inhalte nicht automatisch die Sichtweise des Verlags oder das Meinungsspektrum von Verlagsmitarbeitern wiederspiegeln.


 

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