18. August 2018

VOM PRÜFEN UND BEWERTEN

Von Alexandra Terzic-Auer


DIESER GASTBEITRAG IST AUS DEM BUCH >>> LERNEN IST WIE ATMEN, S. 77-81


 

Persönliche Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten

Ich bin zwischen Bewertungen aufgewachsen, die sich heutige Kinder kaum mehr vorstellen können. In der Familie meiner Mutter gab es zum Beispiel die seltsame Tradition, weiblichen Wesen – egal ob Hündin, Katze, Mädchen oder Frau – einen männlichen Namen zu geben. Das war ein genialer Trick, um die Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den „echt männlichen“ Wesen zu lindern oder sogar zu übertönen. Meistens war ich ja stolz, DER Xandi oder (als Tochter des großen Wuzzers, meiner Mutter) DER kleine Wuzzer zu sein. Wenn ich mich begeistert in Märchen oder Geschichten vertiefte, wäre es mir sowieso niemals eingefallen, mich mit den sterbenslangweiligen Prinzessinnen zu identifizieren, die daheim im Schloss zum Schönsein und Warten verurteilt waren, während der stolze Prinz unterwegs die wundervollsten Abenteuer erlebte. Natürlich wollte ich lieber ein Prinz, ein richtiger Held oder wenigstens ein Heiliger sein, aber irgendwo tief drinnen litt ich doch unter dem schmerzlichen Widerspruch, ein Mädchen zu sein, ohne ein Mädchen sein zu dürfen – oder umgekehrt, ein Er sein zu müssen, ohne jemals wirklich ein Er werden zu können? Das erste Trostpflaster für diese tief versteckte Wunde bescherte mir Astrid Lindgren mit Heldinnen wie Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter, die so herrlich mutig und frei und dabei trotzdem eindeutig Mädchen waren!

Die Schulen, in die ich geschickt wurde – insgesamt waren es sechs, vom Lycée Francais über eine Tiroler Bergschule mit drei Klassen in einem Raum bis zu einer Bundeserziehungsanstalt (!) und zwei katholischen Internaten in Österreich und Frankreich – machten mich mit neuen Bewertungssystemen bekannt: In der ersten Schule hat man mir verboten, mit der linken Hand zu schreiben; wir bekamen für alles, egal ob Sprechen, Lesen, Schönschreiben, Fleiß, Pünktlichkeit, Rechnen, Singen oder Basteln streng berechnete Noten zwischen null und zwanzig, aber zwischen Mädchen und Buben wurde kein Unterschied gemacht. In der nächsten Schule hatte ich nur Mitschülerinnen, wir mussten alle die genau gleichen dunkelblauen Uniformen mit Krawatte tragen, Tag und Nacht unser Gewissen erforschen und jede Woche beichten gehen. Verglichen damit war dann die Dorfvolksschule, die nur bis Mittag dauerte und wo immer nur eine Abteilung Unterricht hatte, während die beiden anderen Abteilungen still arbeiten oder lesen durften, ein wahrhaft paradiesischer Ort, obwohl der Lehrer Watschen austeilte und schlimme Buben mit einem Haselstecken verprügelte…

Solche Sachen kommen, zumindest in unseren Breiten, heute zum Glück kaum mehr vor: Linkshänder erhalten zur Unterstützung spezielle Scheren und Schreibwerkzeuge. In meinem ehemaligen Internat gibt es gar keine Klosterfrauen mehr, dafür Buben, Sportplätze und liberale Ideen. Die achtklassige Dorfschule in Tirol hat jetzt nur noch vier Klassen, die getrennt unterrichtet werden – wogegen in der Großstadt ironischerweise Mehrstufenklassen inzwischen der letzte Schrei sind. Und den Lehrern hat man die gesunde Watschen hier wie dort per Gesetz untersagt. Meine vielfältigen Schulerfahrungen haben mich jedoch hellhörig gemacht. Ich sehe die unbezweifelbaren Fortschritte, aber ich spüre auch, dass darunter nach wie vor ein ständiges Bewerten, Benoten und Normieren stattfindet, das umso stärker wirkt, je weniger es den Betroffenen bewusst ist. Diese subtileren Formen der Manipulation sind auch mir lange Zeit verborgen geblieben. Erst als Mutter habe ich sie allmählich zu durchschauen gelernt:

Mein jüngerer Sohn Severin, ein begeisterter Zeichner und Bastler, hatte in der Volksschule großes Glück mit seiner Klassenlehrerin, einer begnadeten jungen Pädagogin, die ihren Schülern mit so viel Liebe und Respekt begegnete, dass Severin und mehrere seiner Mitschüler sie bis zur Matura alljährlich zu Schulbeginn besuchen gingen. In der zweiten Klasse übernahm jedoch zeitweise eine ältere Werklehrerin den Unterricht. Vor Ostern ließ sie die Kinder einmal vorgedruckte Motive ausmalen – Eiernester, Hasen und Hennen. Severin nahm die Aufgabe ernst und versuchte über das braun angemalte Gefieder seiner Henne den grün-violetten Glanz zu legen, der ihn im Vorjahr bei den lebenden Hühnern am Bauernhof so sehr fasziniert hatte. Aber die Werklehrerin war schlecht gelaunt und ließ einen Satz fallen, der den zart besaiteten jungen Künstler tödlich beleidigt haben muss: „Solche braunen Hühner gibt‘s doch gar nicht!“ Dieser eine achtlos hingeworfene Satz hat genügt, um Severin die Lust am Zeichnen nachhaltig zu verleiden – ganze zehn Jahre lang! Erst in der siebten Klasse Gymnasium gelang es einer jungen Zeichenprofessorin, ihn wieder zum Malen und Zeichnen zu animieren…

Dieser scheinbar harmlose Vorfall und seine Folgen haben mich natürlich erschüttert. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht, was wohl in der Seele eines Kindes vorgehen mag, wenn ein übermächtiger Erwachsener über das Werk oder gar das Kind selbst ein abfälliges Urteil spricht. Anfangs unternahm ich den naiven Versuch, Severin durch Lob aufzurichten – ich lobte jeden Strich, den er machte, jedes Bauwerk, das er errichtete… Das Ergebnis war niederschmetternd! Statt sich über meine lobenden Worte zu freuen, verbiss sich Severin immer tiefer in seinen Groll. In pädagogischen Ratgebern hatte ich immer wieder gelesen, wie positiv Kinder auf Lob reagieren. Severin belehrte mich eines Besseren! Ich musste lernen, dass auch Lob eine Form der Bewertung ist und eben deshalb erst recht wieder beleidigend wirken kann: Kinder wollen einfach sie selber sein dürfen und sehnen sich danach, ohne positiv oder negativ bewertende Kommentare gesehen und anerkannt zu werden! Das war eine wichtige Erkenntnis für mich, und sie hat mir nachträglich auch eine Szene verständlicher gemacht, die schon Jahre zurücklag und mir damals vollkommen rätselhaft gewesen war:

Ein schöner Herbsttag. Mein älterer Sohn Anatol, viereinhalb Jahre alt, geht zum ersten Mal mit mir auf den Friedhof. Seit einigen Monaten faszinieren ihn Jahreszahlen, die er überall, auf Monumenten, Münzen und Kanaldeckeln entdeckt. Was Jahreszahlen betrifft, ist so ein Friedhof natürlich ein wahres Dorado! Anatol strahlt vor Glück. Er läuft auf den erstbesten Grabstein zu und sagt, mit dem Fingerlein auf die Inschrift deutend, bedauernd: „Schau, Mami! Die arme Frau ist schon mit 27 gestorben!“ Während ich mich noch damit abmühe, die Differenz zwischen 1887 und 1914 im Kopf auszurechnen, steht Anatol längst vor einem anderen Grab und ruft: „Aber dieser Mann ist dafür 83 Jahre alt geworden, und seine Frau sogar 87!“ Verblüfft stelle ich fest, dass auch das exakt stimmt, und gebe das Nachrechnen dann auf, denn mit Anatols Tempo kann ich sowieso nicht mithalten. Nach etwa einer Viertelstunde hat er sein wunderbares neues Spiel bis zur Neige ausgekostet und wir wenden uns dem Ausgang zu. „Mami“, fragt Anatol am Weg zur Straßenbahnstation nachdenklich, „wieso gibt es eigentlich mehr Frauen als Männer, die über 80 Jahre alt werden?“ Oh! Die Grundzüge der Statistik sind ihm also auch schon aufgegangen, denke ich amüsiert.

Am Abend sind wir bei meinen Schwiegereltern eingeladen, denen ich von unserem Friedhofsspaziergang erzähle. Mein Schwiegervater, der gütigste Mensch, den ich kenne, ruft Anatol darauf zu sich, beugt sich zu ihm hinunter und sagt in freudig überraschtem Ton: „Anatol, die Mami hat mir gerade erzählt, du kannst schon rechnen! Also, sag mir doch, wie viel ist fünf plus drei?“ Anatol schaut seinen Großvater mit seltsam befremdetem Blick an, wendet sich ab und läuft davon. Was ist geschehen? Wieso sieht das Kind plötzlich so gekränkt drein? Mir ist die Szene peinlich, fast so als stünde ich jetzt als Aufschneiderin vor den Schwiegereltern da – oder habe ich womöglich etwas ausgeplaudert, das unter uns bleiben sollte? Anatols Verhalten in den folgenden zwei Jahren hätte mir auf die Sprünge helfen können, worum es wirklich ging: Bis zum Schulbeginn befasste er sich ausschließlich mit Zahlen, die mindestens vierstellig waren – alle anderen hatte ihm eine einzige lieb gemeinte Frage verleidet, genauso wie der abwertende Kommentar der Werklehrerin seinem Bruder ein paar Jahre später das Zeichnen verleidete! Aber erst im Lichte dieses zweiten Erlebnisses konnte ich mir zusammenreimen, was damals geschehen war: Der kleine Anatol muss sich wohl ausgerechnet von einem seiner meist geliebten Menschen, dem Großvater, in doppelter Weise missverstanden gefühlt haben: Erstens wollte er doch nicht RECHNEN (was sollte das überhaupt heißen?), er wollte einfach nur wissen, wie alt die Menschen, die in diesen Gräbern lagen, geworden waren! Und zweitens hat er sich höchstwahrscheinlich gefrotzelt gefühlt, als sein Großvater ihn etwas fragte, was der gebildete alte Herr doch zweifellos selber wusste!

So wie fast alle Menschen, die eine Schulbildung „genossen“ haben, fanden mein Schwiegervater und ich die Frage an Anatol damals ganz normal: Wer viele Jahre lang darauf NORMIERT wurde, geprüft und bewertet zu werden, gibt diese Normierung ganz automatisch weiter! Und die meisten Menschen hätten es wohl auch völlig „normal“ gefunden, wenn ich einfach das Kind für ungezogen oder grantig erklärt hätte, statt mir über sein Verhalten den Kopf zu zerbrechen: Kein Wunder, wer selber ständig bewertet wird, bewertet dann natürlich auch die anderen in ähnlicher Weise, ohne lange darüber nachzudenken, warum und wieso sie etwas tun oder lassen!

Was mich vor der Normierung gerettet hat, war das Leiden an der Schule, erst als Schülerin und dann als Mutter. Das hat mich in den Widerstand gezwungen! Es hat mich Mitgefühl mit den Kindern gelehrt, die von einem Tag auf den anderen ihre eigene Welt verlieren, weil sie nun jeden Morgen in eine Anstalt einrücken müssen, wo sie umgeben sind von Schicksalsgenossen, mit denen sie zunächst nicht mehr verbindet als das gleiche Geburtsjahr. Anstatt Tag für Tag unter dem Schutz geliebter, vertrauter Erwachsener oder in Begleitung selbst gewählter Freunde voller Begeisterung ihren eigenen Fragen nachgehen zu dürfen und sich den Herausforderungen des echten Lebens zu stellen, sehen sie sich gezwungen, Fragen zu beantworten, die gar keine echten Fragen sind, weil ja die Lehrperson, die sie ihnen stellen muss, die Antworten sowieso schon kennt! Und dann sollen sie diese vorgefertigten Antworten auch noch auswendig lernen und nachplappern wie die Papageien? Und sich danach bewerten und benoten lassen, wie „brav“, das heißt widerspruchslos sie das tun?

Was für eine grausame Verschwendung der wundervollen, einzigartigen Anlagen, die in jedem Kind schlummern! Und welch ein Schaden für die gesamte Gesellschaft, die von der Schule immer noch teils brave, teils widerspenstige Befehlsempfänger geliefert bekommt, obwohl sie längst so dringend selbstbestimmte, eigenverantwortliche, mitfühlende und kreative Träger einer neuen Zivilgesellschaft brauchen würde! Menschen, die wissen, wer sie sind, und deshalb auch die anderen so sein lassen können, wie sie sind.

Menschen, die nicht von früher Kindheit an auf Konkurrenzverhalten dressiert wurden und ihre natürliche Verbundenheit mit allen anderen Lebewesen deshalb noch spüren können.

Menschen, die Zeit und Muße hatten, herauszufinden, wozu sie auf diese Welt gekommen sind, und dabei zu erfahren, was sie am liebsten tun und am besten können.

Menschen, die nicht daran zweifeln, dass sie gemeinsam mit Gleichgesinnten ihre Visionen einer heileren Welt auch umsetzen können…

„Jeder ist ein Genie. Aber wenn du einen Fisch danach bewertest, ob er auf einen Baum klettern kann, dann lebt er sein ganzes Leben in dem Glauben, er wäre dumm.“

Albert Einstein (1879-1955), theoretischer Physiker


 

Alexandra Terzic-Auer, geb. 1952. Nach interdisziplinären, nie abgeschlossenen Studien war ich viele Jahre als Verlagslektorin und Übersetzerin tätig. Kinder – meine eigenen und viele andere – haben meine Weltsicht nachhaltig erweitert, ebenso wie die Arbeit mit Kinesiologie und systemischen Aufstellungen. In der Freilerner-Bewegung sehe ich den Beginn eines Bewusstseinwandels, den ich mit meinem Projekt „Scholé – Muße für Herz und Geist“ freudig unterstütze, so gut ich kann. → www.schole.at


 

Michael Petrowitsch Schetinin: “Der Mensch weiß alles!”

 

Bisherige Veröffentlichungen zu diesem Thema:

PAPA, WIR WOLLEN DIE FBI-SEITE LESEN KÖNNEN!

EIN INTERVIEW ÜBER DAS FREILERNEN

BEVOR DER ERNST DES LEBEN BEGANN

SCHOLÉ HAUPTANLIEGEN FÜR 2018: LEGALISIERUNG DES FREILERNENS

SCHOLÉ: INITIATIVE FÜR BILDUNGSFREIHEIT

SCHOLÉ: MUSSE FÜR HERZ UND GEIST

 

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