9. Oktober 2018

SPASS ODER FREUDE?

Von Alexandra Terzic-Auer


DIESER GASTBEITRAG IST AUS DEM BUCH LERNEN IST WIE ATMEN, S. 141-144


 

Eine Betrachtung

Schon zum fünften Mal war ich diesen Sommer mit meinem Mann in einem griechischen Dorf, wo eine ganz andere Atmosphäre herrscht als in den benachbarten Ortschaften, die vom Massentourismus gezeichnet sind: Shops und Vergnügungsprogramme aller Art, laut dröhnende Musik, gemietete Motorräder und Funmobile, die rücksichtslos über die engen, kurvigen Straßen düsen, ganze Schiffe, voll besetzt mit alkoholisierten Jugendlichen, die sich von brüllenden Animatoren über Lautsprecher willenlos manipulieren lassen… Urlaubs-SPASS in Reinkultur!

Am Strand unseres Küstendorfes dagegen sehen wir stille, zufriedene Menschen mit großen schwarzen Mappen am Meeresufer entlangschlendern. Kinder spielen ohne Animatoren und ohne aufwendiges Spielzeug miteinander im Sand oder in den Wellen.
Auf den Liegen unter den ausgefransten Schirmen aus Palmblättern werden dicke Bücher gelesen. In dem kleinen Lokal direkt darüber gibt es nur wenige Getränke, eine Eiskiste und drei von der alten Mama gekochte Tagesgerichte. Dafür hat man von hier aus den schönsten Blick auf das endlose Farbenspiel von Meer und Himmel. Und an einem der Nebentische klimpert einer der Stammgäste, ein griechischer Liedermacher, leise und versonnen alte und neue Melodien auf seiner Gitarre, während drei Hunde und mehrere Hühner um seine und unsere Beine streichen.

Das Geheimnis dieses Ortes ist sehr einfach: Die Menschen, die hierher kommen, sind mit sich und der Welt zufrieden, weil sie schöpferisch tätig sind! Sie malen, singen, tanzen, dichten, trommeln, machen Sport und Yoga, erforschen die Gegend oder spielen Theater. Zwischen Mai und Oktober kommen Woche für Woche Erwachsene und Kinder hierher, um begleitet von Künstlern und/oder Kunsttherapeuten in entspannter Atmosphäre, ohne Druck oder Zwang ihre schlummernden Talente zu entfalten. Ihre Begeisterung lässt eine Atmosphäre echter FREUDE entstehen, die auch von den griechischen Gastgebern geschätzt und gewürdigt wird.

Ich habe auf dieser Insel viel gelernt, vor allem den himmelweiten Unterschied zwischen SPASS und FREUDE. Diese beiden Begriffe werden irreführenderweise nämlich oft gleichgesetzt, doch bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als absolut unvereinbar: Wer sich für den lauten, grellen Urlaubsspaß entscheidet, entscheidet sich damit automatisch gegen die Urlaubsfreude und umgekehrt – passives Bespaßtwerden von außen und aktives Erkunden der eigenen innersten Bedürfnisse schließen einander definitiv aus…

Wie oft habe ich in Diskussionen mit Kritikern des freien Lernens das Argument an den Kopf geworfen bekommen, DASS AUS KINDERN, DIE IMMER NUR TUN, WAS IHNEN SPASS MACHT, DOCH NICHTS WERDEN KANN! Diese Leute glauben, damit die Notwendigkeit schulischer Disziplin hinreichend bewiesen zu haben, und reagieren daher meist einigermaßen verblüfft, wenn ich ihnen aus ganzem Herzen zustimme!
Die Aufgeschlosseneren unter ihnen hören sich sogar meine Begründung noch an:

1.  weil Kinder schon JEMAND SIND und nicht erst ETWAS (?!) WERDEN müssen. Und

2.  weil SPASS mit freiem Lernen überhaupt nichts zu tun hat! Spaß ist nichts als ein Ausgleichsventil für Kinder, die ständig unter Druck gesetzt werden – lautstark muss sich dann natürlich in Schulpausen oder Ferien ihre unerträgliche Anspannung entladen. Gleiches gilt für den Urlaubsspaß im „normalen“ Arbeitsleben, auf das die Schule uns ja bestmöglich vorbereiten soll…

Freilerner dagegen wollen ihre natürlichen Anlagen in FREUDE ausleben, ohne Druck, mit spielerischer Leichtigkeit. Doch die Freude ist ein Kind der Muße – sie lässt sich nicht organisieren, nicht kaufen, nicht erzwingen und nicht gesetzlich verordnen. Außerdem ist echte Freude eine sehr ernste Sache, die nur in einer besonderen Atmosphäre der Freiheit und Geborgenheit gedeihen kann.

Ernst und Freude, Freiheit und Geborgenheit – gleich zwei Widersprüche, zwei Paradoxa in einem Satz! Da steigt der reine Rationalist natürlich aus, denn sein ängstlicher Verstand teilt die Welt fein säuberlich in schwarz-weiße Gegensatzpaare ein, die einander doch definitionsgemäß ausschließen müssen! In unverbildeten Menschen dagegen breitet sich ein warmes Gefühl der Vollständigkeit aus – die scheinbaren Gegensätze vereinen sich in ihrem Geist zu den zwei Seiten einer Medaille!

Spüre doch einfach selbst einmal nach: Kann ich Geborgenheit empfinden, wenn mich jemand in seinen Armen hält, ich aber nicht sicher sein kann, dass er oder sie mich sofort wieder freilässt, wenn ich das will? Kann ich mich andererseits wirklich frei fühlen, solange ich schutzlos ausgesetzt und ohne Zufluchtsmöglichkeit bin?

Genauso verhält es sich auch mit den scheinbaren Gegensätzen Ernst und Freude, die einander nicht ausschließen, sondern bedingen: Wir brauchen nur den kleinen Kindern zuzuschauen – nichts ist so freudvoll und zugleich so ernsthaft wie ihr selbstvergessenes Spiel! Es erfüllt sie vollkommen, sie fühlen sich eins mit sich und der Welt und brauchen nicht mehr zu ihrem Glück, als dass niemand sie stört oder ablenkt.

DAS ist Freilernen – ein anderes Wort für LEBEN, für lebenslanges, selbstbestimmtes, ernsthaftes und freudiges Weiterwachsen in uneingeschränkter Freiheit und Geborgenheit!

John Petrov Plamenatz (1912-1975), politischer Philosoph:

Menschen wurden geschaffen, um geliebt zu werden. Dinge wurden geschaffen, um benutzt zu werden. Die Welt ist im Chaos, weil Dinge geliebt und Menschen benutzt werden.

Alexandra Terzic-Auer, geb. 1952. Nach interdisziplinären, nie abgeschlossenen Studien war ich viele Jahre als Verlagslektorin und Übersetzerin tätig. Kinder – meine eigenen und viele andere – haben meine Weltsicht nachhaltig erweitert, ebenso wie die Arbeit mit Kinesiologie und systemischen Aufstellungen. In der Freilerner-Bewegung sehe ich den Beginn eines Bewusstseinwandels, den ich mit meinem Projekt „Scholé – Muße für Herz und Geist“ freudig unterstütze, so gut ich kann. → www.schole.at


 

Wir bräuchten Schulen, wo etwas passiert, dass so spannend ist, dass die Schüler dorthin wollen. Dass sie vielleicht sogar weinen, wenn Ferien sind, da sie dort nicht mehr hinkönnen.

Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther


 

NEU: VIDEO LICHTWELT KATALOG NR. 3

 

Bisherige Veröffentlichungen zu diesem Thema:

WIE DÜRFEN KINDER LERNEN?

MUßE, NICHT ARBEIT, IST DAS ZIEL DES MENSCHEN

VOM PRÜFEN UND BEWERTEN

PAPA, WIR WOLLEN DIE FBI-SEITE LESEN KÖNNEN!

EIN INTERVIEW ÜBER DAS FREILERNEN

BEVOR DER ERNST DES LEBEN BEGANN

SCHOLÉ HAUPTANLIEGEN FÜR 2018: LEGALISIERUNG DES FREILERNENS

SCHOLÉ: INITIATIVE FÜR BILDUNGSFREIHEIT

SCHOLÉ: MUSSE FÜR HERZ UND GEIST

 

Die Gastbeiträge sollen eine bestimmte Bandbreite von Ansichten abbilden.
Dabei müssen die Inhalte nicht automatisch die Sichtweise des Verlags oder das Meinungsspektrum von Verlagsmitarbeitern wiederspiegeln.


 

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